Wander-FIT September 2018 - Wanderwoche im Tessin

Steinpilze und Gletschereis - Alpinwanderwoche im Tessin

Wir, das sind Eberhard Groß, Frank Schmutz, Franz Leis und ich starten im September 2018 dort, wo uns 2017 der Regen vertrieben hat. Von Lumino bringt uns die kleine Seilbahn die ersten 1000 hm hinauf nach Monte Sauru. Von hier begleitet uns strahlender Sonnenschein auf die 600 hm Anstieg zur Capanna Brogoldone (1.904 m). Die Hüttenwirtin Nicoletta freut sich herzlich über unser versprochenes Wiedersehen. Als kleines Gastgeschenk bringen wir das aktuelle Ludwigsburg Alpin-Heft mit dem Bericht unserer letztjährigen Tessintour mit. Hier fanden Nicoletta und zu ihrer größten Freude auch ihre Hüttenkatze Ginetta Erwähnung.

Gut gestärkt lassen wir am nächsten Morgen Nicolettas Kochtöpfe hinter uns. „Weite Ebenen und steile Flanken, 1.200 hm und T4 (Alpinwandern im exponierten Gelände)“ erwarten uns laut Führer. Den Anstieg bis zur Bocchetta Nord del Lago (2.575 m) kennen wir vom Vorjahr. Jetzt erleben wir die Geröllhalden bei Topwetter. Die Querung der steilen Grasflanke des Piz di Campedell fordert volle Konzentration und Nerven. Gegen Nachmittag kommen wir auf der Alp d´Örz (2.087 m) an, leider schon geschlossen. Jetzt müssen wir nochmal ran. Die 350 hm auf den Passo di Mauro (2.428 m) und der folgende Steilabstieg fordern uns bis fast zum letzten Meter auf die Terrasse der Capanna Cava (2.066 m), die wir nach 9,5 Stunden erreichen.

Die Cava-Hütte liegt hoch über dem Val Pontirone, das wir heute einmal durchqueren werden. Unser Ziel ist die kleine Selbstversorgerhütte Rifugio Biasagn der Gemeinde Biasca auf der gegenüber liegenden Talseite. Dazwischen liegen 800 hm Ab- und Wiederaufstieg, steil, steinig und heiß wie im Backofen – echtes Tessin! Wir sind begeistert von der rustikalen Steinbauweise der Tessiner Häuser im Tal. In den Dörfern Fontana und Mazzorino scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ist sie aber nicht, wie wir beim Holztransport aus den steilen Wäldern mittels Helikopter feststellen mussten. Hoch über der Talsohle erwartet uns das Rifugio Biasagn (2.020 m), eine sehr einfach ausgestattete ehemalige Alphütte. Leider ist die Quelle der Hütte versiegt, so dass wir mit bescheidenem Restwasser aus der Leitung klarkommen müssen. Zum Glück hat jeder von uns ein Fläschle Bier zum Fertigessen mit raufgetragen. Während Eberhard noch die Cima di Biasagn (2.417 m) besteigt, gehe ich in den nahen Wald um unser Fertigessen mit frischen Steinpilzen zu aufzupeppen, die hier in Massen wachsen. Das Kochen und die Zeit bei Sonnenuntergang vor der einsamen Hütte, dann das Kaminfeuer im Haus – es war eine Stimmung, fast so schön wie Weihnachten, dort hoch oben über dem Val Pontirone.

Zwischen der Hütte und dem Talboden des Val Blenio liegen über 1.600 hm. Der Weg führt durch das Dorf Pontirone und schließlich steil hinab durch mediterrane Kastanienwälder bis nach Malvaglia. Das Postauto bringt uns zum Hotel „Al Giadinetto“ in Biasca (301 m). Welch ein Kontrast zur quasi „komfortfreien“ Selbstversorgerhütte letzte Nacht.

Mit Seilbahnhilfe überwinden wir die ersten 1.000 hm von Malvaglia hinauf ins malerische Dorf Dagro (1.415 m). Unsere Rucksäcke sind schwerer geworden, mit Seil und Gletscherausrüstung für die nächsten Tage. Der gemütliche Sentiero dei Monti bringt uns durch uralte Arvenwälder und malerisch gelegenen Sommersiedlungen hinauf zur Capanna Quarnei (2.108 m). 1.300 Meter über die Hütte ragt der höchste Tessiner Gipfel, das Rheinwaldhorn - unser morgiges Ziel.

Mit dem ersten Tageslicht verlassen wir die Hütte in Richtung Passo die Laghetto (2.646 m), den wir über steiles Geröll, aber noch auf einem Weg erreichen. Hier lassen wir alles entbehrliche Gepäck zurück und steigen mit leichten Rucksäcken weiter. Ab dem Pass leiten die blauen Farbtupfen der Via Malvaglia ins leichte Klettergelände des Felsgrates, der mit Drahtseilversicherungen und luftigen Kletterstellen im II. Grad aufwartet. Der breiter werdende Grat führt schließlich zum vereisten Gipfelaufbau, an die Steigeisen zum Einsatz kommen. Eine kurze Blockkletterei und das Gipfelkreuz des Rheinwaldhorns (3.404 m) ist erreicht. Das Tessin liegt uns zu Füßen, weit geht der Blick über die Tessiner Berge hinaus nach Graubünden, Oberitalien und zu den fernen Gipfeln der Berner und Walliser Alpen.

Über den Bresciana-Gletscher geht es technisch leichter als beim Aufstieg wieder hinab und in Richtung Adulahütte (2.012 m) des Schweizer Alpenclubs. Auf der endlosen Gletschermoräne seift uns der einzige Graupelschauer auf der gesamten Tour so richtig ein. Eberhard opfert sich noch und holt unser deponiertes Restgepäck vom Passo di Laghetto. Gemeinsam erreichen wir nach einem langen Bergtag die Hütte und träumen noch lang von den Erlebnissen dieses Tages.

Die Rucksäcke bleiben am nächsten Tag erst mal auf der Hütte zurück. Die Cima di Bresciana (2.390 m) liegt direkt vor der Hütte und ist in einer Stunde erreichbar. Unerreicht sind die Aussicht vom Gipfel aufs Rheinwaldhorn und der Tiefblick ins Val Soi. Genau dorthin steigen wir dann auch ab, nachdem wir unser Marschgepäck an der Hütte aufgenommen haben. Zwischen der Cima di Bresciana und der Bushaltestelle in Dangio liegen etwa 1.600 steile Abstiegsmeter.

Nach einer erholsamen Nacht im „Al Giardinetto“ in Biasca starten wir zur letzten Etappe, diesmal mit dem Auto, zurück über den Gotthard bis nach Hause in Bietigheim.

 

Winz Schröter / OG Bietigheim